In Frankreich machen so viele junge Leute das Bac, dass es fast nichts mehr wert ist. Auf die Schülerproteste reagiert Frankreich nun mit dem Versprechen nach noch mehr „Bildungsgerechtigkeit“ und Studienplätzen. Das ist falsch. Das Gymnasium ist überschätzt, ganz besonders, wenn Matura und Studium zum Ramsch werden. Das gilt auch für die Schweiz.
Würde es jemandem ernsthaft in den Sinn kommen, einen preisgekrönten Spitzenkoch als Opfer eines ungerechten Bildungssystems zu betrachten? Eines Bildungssystems, das systematisch die Kinder von Akademikern bevorzugt und allen anderen Steine in den Weg legt? Eines Bildungs- und Wirtschaftssystems, das jenseits von Matura und Studium keine Aussicht auf ein gutes Leben, Prestige und interessante Jobs zu bieten hat?
Oder anders gefragt: Wäre die Welt gerechter, wenn aus unserem Spitzenkoch ein Durchschnittsakademiker geworden wäre, ein Geisteswissenschaftler, der wie Hunderte von Seinesgleichen in der Verwaltung versauern oder in der Gleichstellungsabteilung eines grossen Unternehmens in Teilzeit Sprachleitfäden ausarbeiten würde? Wäre er zwischen Drucker, Bildschirm und Sitzungszimmer anerkannter, reicher, glücklicher und für die Gesellschaft gewinnbringender geworden als am Herd zwischen Schmortöpfen und Sauteusen und im kreativen Wettbewerb mit den Kollegen um das solideste Handwerk?
Diese Fragen sind rhetorischer Natur, aber sie drängen sich auf, wenn man jenen antworten will, die dem Bildungswesen permanent gravierende Ungerechtigkeit unterstellen. In der Schweiz machen sie die angeblich fehlende Chancenungleichheit am Umstand fest, dass Akademikerkinder häufiger Matura machen als solche aus nicht akademischen Familien. Geht man davon aus, dass die Natur die Intelligenz ohne Ansehen der sozialen Herkunft vergeben hat, wittern sie Diskriminierung. Und das ist ein Lieblingsszenario aller Sozialingenieure, die am Reissbrett eine „gerechte Gesellschaft“ konstruieren wollen.
Bildungsexpertin Elsbeth Stern von der ETH Zürich ist eine der Stimmen, die meint, dass die „Schlauen“ an die Universität gehören (und nicht etwa in die Berufslehre). Und die Schlauen seien eben nicht zwingend die Akademikerkinder; es könnten auch Kinder aus nichtakademischen Haushalten sein, deren glanzvolle akademische Karrieren aber durch das angeblich ungerechte Bildungssystem vereitelt worden seinen.
Diese und ähnliche Behauptungen vom hohen Lehrstuhl herab sagen mehr aus über den Dünkel und die Eitelkeit der steuerfinanzierten akademischen Blase als über die Gerechtigkeit des Bildungssystems. Der Typus des (staatsbesoldeten) Akademikers wird zum Ideal verklärt, weil man selbst dazugehört und eigentlich auch sich selber meint, und weil man von der Berufslehre sowieso keinerlei praktische Ahnung hat.
In Frankreich machen rund 80 Prozent aller jungen Leute das Bac, also die Matura. Das Bac ist dort eine Art Menschenrecht. Nur: Eine Garantie für eine tolle Laufbahn ist es nicht, kann es gar nicht sein, wenn es zur Massenware wird. Die gegenwärtigen Proteste von Schülern und Studenten legen von dieser frustrierenden Realität ein lautes Zeugnis ab. Wer glaubt, Matura und Studium seien eine Garantie für eine glänzende Karriere, hat trotz der langen Jahre im Klassenzimmer die Marktwirtschaft und das Gesetz von Angebot und Nachfrage nicht verstanden.
Auch in der Schweiz mehren sich die Medienberichte über arbeitslose Jungakademiker, die irgendetwas studiert haben, das der Markt nicht braucht. Mit etwas Glück saugt sie die wachsende Verwaltung auf. Wer wirklich schlau ist, macht zumindest in der Schweiz deshalb nicht zwingend ein Studium. Mit der Berufslehre stehen alle Türen offen - auch bis hinauf an die Universität, so man das denn will. Ein Grossteil der Jungen von heute - insbesondere die jungen Männer - weiss das und entscheidet sich für eine Lehre. Von dieser Idee könnte sich auch Frankreichs Bildungssystem inspirieren lassen, statt immer mehr von der Medizin zu verordnen, die schon bis anhin nicht funktioniert hat.