Nie haben wir in der Schweiz so wenig für ein gutes Leben arbeiten müssen wie heute. Arbeitete ein Erwerbstätiger im Jahr 1950 im Schnitt noch 2400 Stunden pro Jahr, waren es im Jahr 2015 nur noch 1500 Stunden. Diese Zahlen stammen von der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF). Der markante Rückgang der Arbeitsstunden hat mehrere Gründe: sinkende Wochenarbeitszeit pro Vollzeitpensum, längere Ferien, Mutter- und Vaterschaftsurlaub, Sabbaticals und last but not least: die Teilzeitarbeit.
Dass die Teilzeitarbeit insbesondere bei männlichen Akademikern boomt, ist dem Vollkasko-Sozialstaat und dem Steuersystem zu verdanken. Beide fördern die strategische Freizeitoptimierung. Wer weniger arbeitet, hat ein geringeres Einkommen. Wer ein geringeres Einkommen hat, zahlt dank der Progression viel weniger Steuern, erhält dafür Subventionen für die Krankenkassenprämien und die Kinderkrippe und als Sahnehäubchen obendrauf vielleicht noch eine «bezahlbare» Wohnung.
Auch ums Alter muss man sich nicht sorgen. Wer nichts oder nur wenig gespart hat, wird im Alter mit Ergänzungsleistungen gesegnet, die andere mit ihrer Arbeit finanzieren. Es ist im angeblich so gerechten Umverteilungsstaat ganz einfach, viel mehr aus dem Staat heraus zu melken, als selber zum Gemeinwohl beizutragen. Das nennt man dann «Solidarität». Und man braucht sich nicht einmal zu schämen, wenn man zugreift. Der Sozialstaat will ausgebeutet werden! Und wer nicht der Dumme sein will, spielt das Spielchen mit. Der Sozialstaat hat einen disruptiven Charakter.
Nun, da wir daran sind, dank dem Sozialstaat die Arbeitsgesellschaft zu überwinden, könnte man denken, dass die Leute wenigstens glücklich sind. Doch weit gefehlt! Eine jüngere Studie der AXA zeigt: Mehr als 30 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen fühlen «emotional erschöpft». Folglich boomen die Absenzen wegen «psychischen Erkrankungen». Als Gründe für dieses Phänomen werden Stress und Druck am Arbeitsplatz angeführt, obwohl wir immer weniger arbeiten. Und natürlich darf auch die Pandemie als Grund für die Erschöpfung insbesondere bei ganz jungen Leuten nicht fehlen. Man könnte meinen, die Pandemie war für die Jungen in der Schweiz schlimmer als ein Krieg für die Kinder anderswo auf der Welt.
Der Wohlfahrtsstaat macht also müde. Und was leitet die Politik daraus ab? Richtig: Sie will noch mehr Wohlfahrt. Doch dieses Mehr an vermeintlich guten Taten wird nur noch mehr Erschöpfung und Demoralisierung erzeugen. Der Sozialstaat macht abhängig, nicht glücklich. Er fördert einen Lebensstil, der das Gegenteil eines selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Lebens ist. Er ermöglicht es, sich im eigenen Saft zu schmoren und Befindlichkeiten zu kultivieren. So nimmt er manchem die Möglichkeit, sich aufzumachen und seines eigenen Glückes Schmied zu werden. Denn soviel ist sicher: Keine Sozialleistung der Welt kann das süsse Glück eines selbstverdienten Erfolgs ersetzen.