Was ist Bildung?

Was ist ein gebildeter Mensch? Ist es einer, der beim Pisa-Test gut abgeschnitten hat? Einer, der an der Universität akademische Titel erarbeitet hat und auf höchstem Niveau gendern kann? Ist es einer, der stets effizient lernt und sich nicht von unnützem Wissen ablenken lässt? Ist es einer, der das «lebenslange Lernen» praktiziert und viel Geld für Weiterbildungsprogramme ausgibt?

Oder ist es der Praktiker, der die Berufs- und Lebenserfahrung zum Lehrmeister hat, der sich weitgehend jenseits von Diplomen selber weiterbildet und dessen Triebfedern Neugier und Wissensdrang sind? Schliesslich ist das Leben an sich ein einziger Lernprozess, auch wenn es dafür kein anerkanntes Zertifikat gibt. Und was unterscheidet den gebildeten Menschen eigentlich vom hochqualifizierten? Kann es heute, da sich Wissen laufend vermehrt, überhaupt noch Gebildete geben, oder kennt die Wissensgesellschaft nur Hochqualifizierte?

Eines ist klar: So viele Hochqualifizierte wie heute gab es noch nie. In der Schweiz haben 50 Prozent der unter 35-Jährigen eine Tertiärausbildung und gelten damit als hochqualifiziert – die meisten von ihnen sind Hochschulabsolventen. Bei den über 65-Jährigen trifft Letzteres nur auf 12,5 Prozent zu (Stand: 2017).

Doch damit ist die Eingangsfrage nicht hinreichend geklärt; zu schillernd ist der Bildungsbegriff. Mal steht er für praktisches Können, mal für Weltklugheit, mal für Belesenheit in den Klassikern, mal für freie Forschung, mal für digitale oder andere fachspezifische Fähigkeiten. Es ist noch nicht so lange her, da war das Latein in der abendländischen Kultur so etwas wie eine Visitenkarte des Gebildetseins. Doch Latein ist tot. Englisch lebt dafür umso mehr und so gibt heute das kaufmännische Prinzip der Employability bei der Bildung den Ton an. Das heisst: Bildung ist, was der Arbeitsmarkt braucht. Der Rest ist Ballast und kann abgeworfen oder ausgelagert werden.

Durch diese Lesart ist Bildung zu einer Art Industrieware geworden, und die Hochschulabsolventen gehören kraft ihres tertiären Ausbildungsweges automatisch zu den Hochqualifizierten – unabhängig von Fach, Können, Leistung, Erfahrung und Wissen.

Das Prädikat hochqualifiziert ist bei genauer Betrachtung jedoch rein technischer Natur. Weil der Mensch in Mustern denkt, erleichtern ihm solche Taxierungen die Dinge zu sortieren und Statistiken zu erstellen. Über die Bildung einer Person im weiteren Sinne sagt der Begriff aber nicht viel aus. Denn Bildung – zumindest jene im Humboldt’schen Sinn – ist weit mehr als abgeprüftes, genormtes und zweckdienliches Wissen.

Bildung im Sinne der Humboldts hat nicht den geschmeidigen Mitarbeiter zum Ziel, sondern das mündige, selberdenkende und selbstbestimmte Individuum, das in der Lage ist, die Dinge und auch sich selber kritisch zu hinterfragen und eine eigenständige Meinung zu bilden. In einer Zeit, da Hochschulen zunehmend zu ideologischen Hochburgen werden und die künstliche Intelligenz ihr menschliches Pendant herausfordert, wäre es nicht das Dümmste, sich wieder verstärkt daran zu orientieren.

Betreutes Leben

In der Schweiz können 800 000 Erwachsene nicht gut schreiben und haben Mühe, einen Text zu verstehen. Das sagt die nicht mehr ganz taufrische offizielle Statistik. Dazu kommen 400 000 weitere Erwachsene, die mit der «Alltagsmathematik» überfordert sind.

Betroffen sind Personen unterschiedlichster Art, wie die Autorinnen einer neuen, im Auftrag der Bildungsbehörden erstellten Studie in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» versichern, nämlich "Kaderleute genauso wie Migrantinnen und Arbeitnehmenden mit und ohne Lehrabschluss", um es im Jargon der zuverlässig gendersensiblen Sozialbranche zu formulieren.

Wie kann es sein, dass es einem wohlgenährten Bildungssystem nicht gelingt, allen Schulpflichtigen das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, fragt man sich da. Im Jahr 2020 investierten Bund, Kantone und Gemeinden – also die Steuerzahler – mehr als 40 Milliarden Franken in die Bildung, soviel wie nie zuvor. Betrachtet man die Ausgaben nach Bildungsstufe, so wurde der mit Abstand grösste Teil für die obligatorische Schule verwendet.

Unerfreulich ist diese Situation insbesondere für die Arbeitgeber. Sie sind in einer zunehmend anspruchsvollen und globalisierten Arbeitswelt auf Leute angewiesen, die zu Beginn ihres Berufslebens zumindest das beherrschen, was ihnen die obligatorische Schule eigentlich beibringen sollte. Ähnliches lässt sich über die höheren Bildungsinstitute sagen; lesen, schreiben und rechnen zu lehren ist nicht ihre Aufgabe.

Für die Akteure des Sozialstaats hat der Befund hingegen einen anderen Klang. Er ruft nach Arbeit, viel Arbeit. Denn der Wohlfahrtsstaat will uns nicht nur sozial absichern, er will uns auch lebenslang fördern, auf dass wir unsere Defizite überwinden. Und wo gefördert wird, fliessen Fördergelder, auch im konkreten Beispiel: 43 Millionen Franken stellt der Bund im Zeitraum 2021-2024 für den Kampf gegen die Lese- und Rechenschwäche der Erwachsenen bereit, ein Betrag, den die Kantone mindestens verdoppeln.

Doch kann man ein gesellschaftliches Malaise beheben, indem man es mit immer mehr Steuermillionen und paternalistischen Massnahmen einfach zuschüttet? Die Frage stellt sich jedem, der den Glauben an das Individuum und das Prinzip der Subsidiarität noch nicht aufgegeben hat. Die eigenen Fähigkeiten zu pflegen und zu mehren, ist primär die Aufgabe jedes einzelnen Erwachsenen. Ist jemand damit überfordert, gibt es private und zivilgesellschaftliche Akteure, die weiterhelfen, zumal in einem Land, das – zumindest fürs Protokoll – reichlich stolz ist auf sein Milizsystem. Es braucht nicht für jedes Problem eine staatlich bestellte Betreuung durch hochqualifizierte Experten.

Vor allem aber lässt sich Bildungserfolg nicht einfach herbeifördern. Um ein Ziel zu erreichen, braucht es Leistungswillen, inneren Antrieb und die Zuversicht, dass sich der Aufwand lohnt. Doch gerade diese bürgerlichen Tugenden werden durch den betreuenden Wohlfahrtsstaat systematisch geschwächt. Und so stellt sich die Frage, wem die Fördergelder am meisten nützen: den Betreuten oder den Betreuern.