Die Römer und die Etrusker konsultierten vor wichtigen politischen oder militärischen Vorhaben die Auspizien oder fanden Rat in der Eingeweideschau. Die alten Chinesen befragten das Schafgarbenorakel. Zeitgenössische Entscheidungsträger stützen sich auf Studien. Wahrsagerei sind sie alle.
„Wir waren“, sagte die ehemalige Bundesrätin Doris Leuthard vor ein paar Tagen in einem Podcast, „ mit unseren Berechnungen zu bescheiden“. Man könnte auch sagen: Man lag total daneben, ja, man hat versagt. Man war dennoch kühn genug, um damit wegweisende politische Entscheide zu fällen. Die Konsequenzen und Kosten eines allfälligen Irrtums würden ja sowieso die anderen tragen, die, die nach uns kommen oder die Allgemeinheit, also die Steuerzahler und Konsumenten. So ist es immer in der Politik. Es ging bei diesem Fall natürlich um den Atomausstieg, den Leuthard in ihrer Zeit als Energieministerin massgeblich geprägt hat, auch mit Berechnungen, die zum damaligen Zeitgeist passten. Unter solchen Bedingungen werden sogenannte Studien zu politischen Marketing-Tools.
Und sie wirken. Und nun hat man den Salat, der da heisst: „Energielücke“. Man habe eben nicht voraussehen können, wie hoch der Stromverbrauch der Rechenzentren sein würde, sagte Leuthard als Begründung für die zu „bescheidenen“ Berechnungen.
Dass es einen technologischen Fortschritt gibt, dass künstliche Intelligenz dabei der Elefant im Raum ist und dass dieser Elefant wiederum viel Energie fressen würde, das hätte man allerdings schon längst wissen können, als man im Hause Leuthard die Berechnungen vornahm. Wer seine vermeintlich wissenschaftlichen Prognosen auf der Prämisse aufbaut, dass sich die Welt nicht oder höchstens linear weiterentwickelt, hätte genauso gut oder vielleicht sogar besser ein astrologisches Gutachten als Ratgeber herangezogen. Das wäre vermutlich günstiger gewesen.
Es ist nicht das erste Mal, dass die „Wissenschaft“ mit ihren politischen Berechnungen krass daneben liegt. Im Vorfeld der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit mit der EU im Jahr 2000 liess uns „die Wissenschaft“ im Auftrag des Bundesrats wissen, dass höchstens 8000 bis 10’000 Personen in die Schweiz zuwandern würden. Auf diese Studie berief sich der Bundesrat auch in seinem Abstimmungsbüchlein. Dort heisst es wörtlich: „Wie die Erfahrungen in der EU zeigen, sind die Ängste des Referendumskomitees, die Einwanderung in die Schweiz werde stark zunehmen, nicht begründet. In Wirklichkeit sind die Wanderungsbewegungen innerhalb der EU gering." In der echten, nicht schöngerechneten Wirklichkeit erwies sich diese Prognose als komplett falsch. Es kamen 70’000 bis 80’000 pro Jahr, wie wir heute wissen. Man habe eben die Attraktivität der Schweiz unterschätzt, sagte der Ökonom Thomas Straubhaar, der die Zahlen berechnet hatte, später kleinlaut in der NZZ. Mal unterschätzt man den Energiebedarf der Rechenzentern, mal die Zuwanderung. Kann passieren. Schwamm drüber! Honni soit qui mal y pense.
Legion sind auch all die Prognosen zum demographischen Kollaps. Das Narrativ vom drohenden Untergang gab es schon in der Antike, man denke an das römische Dreikindrecht. Ab dem 19. Jahrhundert wurde es dann „wissenschaftlich“ mit Berechnungen untermauert. Allein, bis heute ist der Untergang nicht eingetreten. Und wer heute die Bevölkerung dazu aufruft, mehr Kinder für die Finanzierung der AHV zu produzieren, der sollte in mehrfacher Hinsicht innehalten und nachdenken. Zuerst sollte man darüber nachdenken, ob der Mensch tatsächlich dem System dienen muss, oder ob es vielleicht nicht gerade umgekehrt sein sollte. Dann sollte man über die Tatsache nachdenken, dass ein Grossteil der Bevölkerung mehr Geld aus dem Sozialstaat bezieht, als er einzahlt (was man die Tragik der Allmende nennt), und drittens sollte man überlegen, ob das Problem der AHV nicht vielmehr in ihrem Systemdesign liegt als in der Geburtenziffer. Wer die heilige Kuh AHV retten will, sollte sie auf Herz und Nieren gründlich durchleuchten, im Sinne einer echten und ehrlichen Eingeweideschau und ohne Schuldzuweisungen aus dem hohlen Bauch heraus.