Manchmal könnte man fast glauben, der Kapitalismus sei für alles Übel dieser Welt verantwortlich: für die Ausbeutung der Arbeiter, den Krieg, die Klimakrise, die Wohnungsnot, die soziale Ungerechtigkeit, die schwindende Kaufkraft, die Unterdrückung der Frau, die mangelnde Integration von Migranten oder das Artensterben. Es scheint, als versage das kapitalistische System am laufenden Band und als sei das Prinzip von der Selbstregulierung der Märkte nicht mehr als ein frommer Wunsch, um nicht zu sagen: eine Erfindung der kapitalistischen Propaganda.
Kurzum: Der Kapitalismus geniesst vielerorts kein gutes Image. Das gilt insbesondere für das urbane, linksgrün-akademische Milieu, dessen Angehörige ihren Lohn nicht selten vom Staat beziehen und die die «Konzerne» als Problem betrachten, obwohl nicht zuletzt diese mit ihren Steuern den Staat finanzieren. Auch viele Journalisten sehen den Kapitalismus kritisch. An vielen Schulen wiederum wird der Kapitalismus vorwiegend anhand der sozialen Frage «durchgenommen», während die Bedeutung unternehmerischer Initiative und Innovation für Fortschritt und Wohlstand weniger Beachtung findet.
Obwohl der Kapitalismus insbesondere in den wohlfahrtstaatlichen Gesellschaften den allermeisten ein gutes Leben ermöglicht, kann er viele Herzen nicht erreichen. Es gilt auch in der Wohlstandsoase immer noch als chic, den Kapitalismus überwinden zu wollen.
Dabei gibt es ungezählte Beispiele dafür, dass die Behinderung des Spiels von Angebot und Nachfrage negative Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt hat. Die Landwirtschaft möge zur Anschauung dienen. Exzessive Subventionen und rigorose Marktabschottung sorgen nicht nur für künstlich überhöhte Preise und eine Bevormundung der Konsumenten durch eine staatlich regulierte Produktepalette. Sie tragen auch wesentlich zur Verschmutzung der Natur bei, weil das viele Geld im System intensive Produktionsmethoden fördert und den dringend nötigen Strukturwandel behindert.
Analoges lässt sich zur vermeintlichen Wohnungsnot sagen. Nicht ein Zuwenig an Staat ist das Problem, sondern ein Zuviel davon. Wer die staatliche Bürokratie ausbaut und laufend neue Vorschriften produziert, wer private Investoren als Klassenfeind betrachtet, muss sich nicht wundern, wenn diese von dannen ziehen.
Diese Mechanismen sind bekannt. Gleichwohl hält sich die Kapitalismuskritik hartnäckig. In ihr manifestiert sich die tiefe Skepsis einer saturierten und selbstgefälligen Wohlstandsgesellschaft gegenüber dem Prinzip von Wettbewerb, Leistung und Eigenverantwortung. Lieber träumt man von sozialer Gerechtigkeit – was auch immer das ist –, ruft das Zeitalter des Postwachstums aus – was leichtfällt, wenn der eigene Bauch gefüllt und der eigene Wohlstand gesichert ist –, fordert die Viertagewoche, den Menstruationsurlaub oder ein Grundeinkommen für alle. Dumm ist nur, dass die Erfüllung all dieser frommen Wünsche Geld braucht. Woher dieses Geld kommen soll, wenn dereinst der Kapitalismus überwunden ist, ist eine Frage, auf deren Beantwortung man gespannt sein darf.