Warum Oerlikon gross wurde

Warum wurde aus dem kleinen, sumpfigen Oerlikon ein Industriestandort, während das einst stolze und wohlhabende Schwamendingen ein Dorf blieb? Die Antwort liegt in einem historischen Fehlurteil der Schwamendinger Elite, das noch heute lehrreich ist.

In Schwamendingen hatte man es gut. Zumindest bis Mitte des 19. Jahrhunderts war man in dieser Gegend im Norden Zürichs der Platzhirsch, insbesondere im Vergleich zum Weiler Oerlikon, der ein unselbständiger Teil Schwamendingens war und weder eine eigene Kirche noch eine Schule besass. Noch im Jahr 1850 hatte Oerlikon nur gerade knapp 500 Einwohner. Schwamendingen war zwar nicht wesentlich grösser, aber im Unterschied zum sumpfigen Oerlikon hatte man hier fruchtbares Ackerland. Das hatte viele Bauern wohlhabend gemacht. Ausserdem waren viele von ihnen im Fuhrwesen zwischen Zürich und Winterthur tätig. Alles lief in geordneten Bahnen. Es hätte immer so weitergehen können.

Doch dann kam eine technische Revolution in Form der Eisenbahn. Ursprünglich hatte man geplant, die Nordostbahn über das wohlhabende Schwamendingen zu führen. Aber die schon damals strukturkonservativen Bauern wehrten sich mit Händen und Füssen. Sie wollten die neue Zeit nicht wahrhaben und glaubten, mit Widerstand ihr Geschäft sowohl im Fuhrwesen als auch im Ackerbau retten zu können. Ein Fehlurteil, das in Schwamendingen bis heute sichtbar ist.

Weil die Schwamendinger nicht wollten, baute man die Eisenbahnlinien von Zürich nach Winterthur, Bülach und Uster über Oerlikon und machte einen grossen Bogen um das bockige Schwamendingen. Anders als in Schwamendingen nahmen die Oerlikoner die neue Zeit gerne entgegen. Und so wurde der kleine sumpfige Weiler zum Eisenbahnknotenpunkt und zum boomenden Industriestandort. 1876 siedelte sich die Maschinenfabrik Oerlikon an, 1895 kam die Accumulatoren-Fabrik dazu und ab 1906 stand hier die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, um nur die grössten zu nennen. Es gab auch kleinere Industriebetriebe, etwa die Margarinefabrik Vogel an der Tramstrasse. Die Margarine war wie das Milchpulver eines der ersten industriell hergestellten Lebensmittel.

In der Folge wuchs Oerlikon und emanzipierte sich von Schwamendingen. 1930, wenige Jahre vor der Eingemeindung in die Stadt Zürich, wohnten 12'500 Personen hier. Schwamendingen blieb ein Bauern- und Gewerbedorf, verpasste die Industrialisierung und hatte 1930 nur knapp 2500 Einwohner. Mit dem boomenden Oerlikon vor der Nase wurde Schwamendingen bald zur Gartenstadt, also zum Wohnquartier für die Industriearbeiter.

Das zeigt sich auch in den Einwohnerzahlen. Im Jahr 2000 zählte Oerlikon knapp 18'000 Einwohner, Schwamendingen hingegen gut 28'000. Heute ist Schwamendingen ein reines Wohnquartier mit einem hohen Anteil an preisgünstigen und genossenschaftlichen Wohnungen. Oerlikon hingegen ist nach wie vor ein wichtiger Unternehmensstandort und verfügte im Jahr 2001 noch immer über 15'100 Arbeitsplätze.

Und die Moral von der Geschichte? Auf lange Frist lässt sich die Weiterentwicklung der Gesellschaft eben auch durch bäuerlichen Widerstand nicht aufhalten.

P.S.: Die hier Schreibende ist stolze gebürtige Schwamendingerin.