Sylvie Durrer, die ehemalige Chefin des eidgenössischen Gleichstellungsbüros, wurde von der Schreibenden einmal gefragt, wie ihrer Ansicht nach eine Gesellschaft mit vollendeter Gleichstellung aussehen würde. Sie wusste keine Antwort, sondern fragte zurück: «Warum stellen Sie so polemische Fragen?» Diese Reaktion spricht Bände. Sie verrät uns, dass die Gleichstellungslobby mit ihren gutbezahlten Bürojobs Gleichstellung gar nicht will, ja nicht einmal weiss, was Gleichstellung ist. Hauptsache, Gleichstellung ist nie vollendet. Sie soll ein Ideal bleiben, dass man ewig anstrebt, aber nie erreicht. Wäre die Gleichstellung eines Tages vollendet, wären schliesslich all die schönen Jobs flöten.
Und so hat man den Begriff «tatsächliche Gleichstellung» erfunden, nachdem die rechtliche Gleichstellung erreicht worden war. Seither sucht die Gleichstellungslobby ständig nach neuen informellen Ungleichheiten, auch wenn sie im Alltag der Bevölkerung keine Rolle spielen. Und diese vermeintlichen Ungleichheiten müssen dann mit viel Steuergeld und Regulierungen ausgemerzt werden, allerdings nur dann, wenn für ein paar wenige Frauen dabei etwas Positives rausschaut – eine Frauenquote für lukrative Chefposten zum Beispiel. Das sozialistische Märchen von der «klassenlosen Gesellschaft» scheint dem Weltbild der Gleichstellungslobby Pate – oder Patin – gestanden zu haben.
Eine solche Gesellschaft wäre ein Gräuel. Eine Gesellschaft lebt nicht dank omnipräsenter Gleichheit, sondern von der Spontanität und Verschiedenheit der sie beseelenden Individuen, der Freiheit und dem Zufall.
Man könnte auch sagen: Gleichheit ruiniert die Musik. Musik lebt von der Differenzierung der Töne. Manche sind lauter, manche leiser. Nehmen wir das berühmte «Lied ohne Worte» Op. 19 Nr. 1 von Felix Mendelssohn. Was für eine Ungleichheit herrscht hier! Die oberste Stimme muss viel lauter gespielt werden als die fast stimmlosen Sechszehntel in der Mitte, und auch als der Bass, der das Ganze als Fundament trägt. Man stelle sich vor, alle Töne – insbesondere die Sechszehntel – wären gleichgestellt. Was für ein grauenhafter Klangteppich würde entstehen. Musik wäre das nicht.
Jahrelang übt der Pianist – ob Profi oder Amateur – die Unabhängigkeit der Finger, um die Differenzierung der Töne meistern zu können. Und erst die Gesamtheit aller unterschiedlichen Töne macht die Musik. Genauso ist es mit einer Gesellschaft – sie lebt von den Unterschieden, nicht von der Gleichmacherei.