Wie kann es sein, dass heute mehr junge Leute funktionale Analphabeten sind als vor 250 Jahren? Die Ursache liegt in der Ideologisierung der Schule, der Demontage der Familie und der systematischen Dämonisierung des Wettbewerbs.
Für den Achtelfinal der Fussball-WM 2026 erhielten die USA das, was man in der Schule einen Nachteilsausgleich nennt: Der US-Stürmer Folarin Balogun durfte trotz Sperre antreten, nachdem der US-Präsident bei der Fifa angerufen hatte. Geholfen hat es den Amerikanern nicht; sie flogen im Match gegen Belgien raus.
So ähnlich wie den amerikanischen Fussballern dürfte es manch einem gehen, der die Schule oder die Universität nur dank Nachteilsausgleich schafft: Durchfallen und Sitzenbleiben sind zwar abgeschafft, aber wenn es später draufankommt, ist damit nichts gewonnen. Irgendwann kommt im echten Leben die Bewährungsprobe. Das ist nicht nur für den Einzelnen bitter, es schadet auch dem allgemeinen Bildungsstand.
Der Nachteilsausgleich ermöglicht im Namen der Chancengleichheit allerlei Prüfungserleichterungen aufgrund angeblicher Beeinträchtigungen. Er wird mittlerweile auch guten Schülern regelrecht aufgedrängt, wie jüngst die NZZ anhand eines Falls aus Basel berichtet hat. Wie jede andere Subvention wird der Nachteilsausgleich intensiv bewirtschaftet und produziert Fehlanreize.
So bewegt sich das allgemeine Bildungsniveau zwangsläufig abwärts. Das zeigt sich deutlich anhand der Lesefähigkeiten der Bevölkerung. Es gibt heute in der Schweiz anteilmässig mehr funktionale Analphabeten als vor rund 250 Jahren. Um das Jahr 1780 waren in den ländlichen Regionen Zürichs bereits 80 Prozent der (männlichen) Bevölkerung alphabetisiert, das heisst: Sie konnten lesen, was vor allem dem Engagement der reformierten Kirche und anderen evangelischen Gruppen sowie einer kohärenten Pädagogik zu verdanken war.
Die Alphabetisierung schritt im 18. Jahrhundert generell schnell voran, obwohl die Schulen damals lediglich als Winterschulen geführt wurden. Lesen und auch schreiben lernte man auch im häuslichen Bereich, weil es in den Haushalten immer mehr Bücher gab. Man las unter «mütterlicher Anleitung», wie das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) schreibt, oder schrieb aus Büchern ab. Der Schweizer Grossmeister dieser häuslichen Autodidaktik war zweifellos Ulrich (Ueli) Bräker, der – aus ärmsten Verhältnissen stammend – zu einem der bedeutendsten Schweizer Schriftsteller wurde.
Heute sitzen die Schulkinder nicht nur winters, sondern ganzjährig für mindestens neun Jahre in stylischen Schulhauspalästen, die den Steuerzahler Abermillionen kosten. Die Kinder werden nicht mehr unter «mütterlicher Anleitung» gross, sondern im Kollektiv der Kita. In der Schule werden sie von unzähligen gutbezahlten pädagogischen Fachkräften gefördert. Allein, mit dem Lesen sieht es lausig aus. Jeder vierte Schulabgänger ist heute ein funktionaler Analphabet in der angestammten Schulsprache. Das heisst: Jeder Vierte kann nach neun Schuljahren einen zusammenhängenden Text zwar entziffern, aber nicht verstehen.
Zum Vergleich: Die jugendlichen Arbeiter in den Neuenburger Indiennefabriken des 18. Jahrhunderts konnten im Alter von 16 Jahren fast ausnahmslos lesen, wie das HLS schreibt. In Genf konnte die grosse Mehrheit (auch die Unterschicht) damals auch schreiben; davon zeugen Heiratsurkunden. Es wird geschätzt, dass in der Stadt Lausanne am Ende des Ancien Régime 90 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben konnten.
Wir haben es heute also nicht nur mit einer Bildungsmisere zu tun, sondern mit einer veritablen Bildungsrezession. Das Bildungssystem ist offenkundig höchst ineffizient. Je mehr Geld die Allgemeinheit pro Schüler investiert, desto dürftiger der Bildungserfolg. Der Grund dafür ist neben der aufgeblähten Bürokratie die grundlegende Verteufelung des Wettbewerbs durch Nachteilsausgleich und Gleichheitsideologie. Die Schule strebt das sozialistische Ideal der klassenlosen Gesellschaft an. Am Schluss dieses Prozesses werden in der Schule wirklich alle gleich sein, nämlich gleich schlecht. Den Jungen tut man damit keinen Gefallen.