Manchmal erscheint der Sexismus in unerwarteter Gestalt, zum Beispiel in Form eines Klaviers. Das ist bemerkenswert, weil sich in den letzten zwei-, dreihundert Jahren Hunderttausende von mehr oder weniger begabten Amateurinnen freiwillig an diesem Instrument versucht haben. Etliche von ihnen wurden Profis, brachten es zu Weltruhm und überstrahlten mit ihrer Brillanz manchen Mann. Andere blieben der Nachwelt erhalten, weil sie ihre berühmten Lehrer inspirierten, etwa Therese von Trattner, der Mozart zwei Klavierwerke widmete – die Klaviersonate Nr. 14 in c-moll (KV 457) und die Fantasie in c-moll (KV 475).
Es ist unwahrscheinlich, dass sich die so gewürdigte Wiener Verlegersgattin und Konzertpianistin, die überdies noch zehn Kinder zur Welt brachte, vom Pianoforte oder von Mozarts Musik diskriminiert fühlte. Es brauchte die Wokeness des 21. Jahrhunderts und ein Buch der Feministin Caroline Criado Perez, um der Öffentlichkeit klarzumachen, dass das Klavier ein frauenfeindliches Gerät sei. Durch die Tastengrösse, welche für Männerhände konzipiert sei, benachteilige das Klavier die Frauen «strukturell» und setze gar deren Gesundheit aufs Spiel, findet sie.
Untermauert wird diese These mit Studien. Eine davon soll belegen, dass exakt 87 Prozent der Pianistinnen solchermassen benachteiligt würden. Dadurch würde ihnen die Möglichkeit genommen, die gleiche pianistische Anerkennung zu erreichen wie die männliche Konkurrenz. Kurzum: Der Geschlechterkrieg tobt auch auf der Klaviatur. Das nennt man Gendermainstreaming.
Das Klavier steht in diesem Diskurs stellvertretend für zahllose Alltagsgegenstände wie Smartphones, Sitzgurte, Bohrmaschinen oder Hygienemasken, denen ebenfalls vorgeworfen wird, von Männern für Männer gebaut zu sein. Sind die Frauen also Opfer eines gigantischen misogynen Industriekartells?
Wer so etwas vom Klavier behauptet, ist womöglich Opfer einer Verblendung. Die Tastengrössen eines modernen Pianos seien weniger dem Diktat irgendwelcher Männerhände geschuldet als vielmehr den Notwendigkeiten des komplexen technischen Innenlebens, sagt Rainer Matz, der die Pianowerkstatt bei Musik Hug leitet. Kommt dazu, dass die Natur unabhängig vom Geschlecht grosse und kleine Hände hervorbringt und dass auch kleine Hände, ja selbst kleine Kinderhände dank pianistischen Techniken am Klavier immer wieder Bravouröses leisten.
Klaviertasten sind im Zuge der technischen Entwicklung grösser geworden. Es ist den feministischen Klavierkritikerinnen jedoch nicht verboten, sich mit eigenen Innovationen konstruktiv, statt moralinsauer anklagend in diesen Prozess einzubringen und selber ein «gerechtes» Piano zu bauen. Vorarbeiten – allerdings durch einen Mann – soll es bereits geben. Auch den Handys, Masken, Sitzgurten oder Bohrmaschinen können sie sich annehmen. Dann braucht es nur noch einen Markt. Nach Auskunft von Branchenkennern ist die Nachfrage nach gegenderten Klavieren bisher allerdings – gelinde gesagt – überschaubar. Ideologien liefern zwar einfache Weltbilder, aber eben nicht immer gute Businessideen.