In der Schweiz können 800 000 Erwachsene nicht gut schreiben und haben Mühe, einen Text zu verstehen. Das sagt die nicht mehr ganz taufrische offizielle Statistik. Dazu kommen 400 000 weitere Erwachsene, die mit der «Alltagsmathematik» überfordert sind.
Betroffen sind Personen unterschiedlichster Art, wie die Autorinnen einer neuen, im Auftrag der Bildungsbehörden erstellten Studie in der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» versichern, nämlich "Kaderleute genauso wie Migrantinnen und Arbeitnehmenden mit und ohne Lehrabschluss", um es im Jargon der zuverlässig gendersensiblen Sozialbranche zu formulieren.
Wie kann es sein, dass es einem wohlgenährten Bildungssystem nicht gelingt, allen Schulpflichtigen das Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, fragt man sich da. Im Jahr 2020 investierten Bund, Kantone und Gemeinden – also die Steuerzahler – mehr als 40 Milliarden Franken in die Bildung, soviel wie nie zuvor. Betrachtet man die Ausgaben nach Bildungsstufe, so wurde der mit Abstand grösste Teil für die obligatorische Schule verwendet.
Unerfreulich ist diese Situation insbesondere für die Arbeitgeber. Sie sind in einer zunehmend anspruchsvollen und globalisierten Arbeitswelt auf Leute angewiesen, die zu Beginn ihres Berufslebens zumindest das beherrschen, was ihnen die obligatorische Schule eigentlich beibringen sollte. Ähnliches lässt sich über die höheren Bildungsinstitute sagen; lesen, schreiben und rechnen zu lehren ist nicht ihre Aufgabe.
Für die Akteure des Sozialstaats hat der Befund hingegen einen anderen Klang. Er ruft nach Arbeit, viel Arbeit. Denn der Wohlfahrtsstaat will uns nicht nur sozial absichern, er will uns auch lebenslang fördern, auf dass wir unsere Defizite überwinden. Und wo gefördert wird, fliessen Fördergelder, auch im konkreten Beispiel: 43 Millionen Franken stellt der Bund im Zeitraum 2021-2024 für den Kampf gegen die Lese- und Rechenschwäche der Erwachsenen bereit, ein Betrag, den die Kantone mindestens verdoppeln.
Doch kann man ein gesellschaftliches Malaise beheben, indem man es mit immer mehr Steuermillionen und paternalistischen Massnahmen einfach zuschüttet? Die Frage stellt sich jedem, der den Glauben an das Individuum und das Prinzip der Subsidiarität noch nicht aufgegeben hat. Die eigenen Fähigkeiten zu pflegen und zu mehren, ist primär die Aufgabe jedes einzelnen Erwachsenen. Ist jemand damit überfordert, gibt es private und zivilgesellschaftliche Akteure, die weiterhelfen, zumal in einem Land, das – zumindest fürs Protokoll – reichlich stolz ist auf sein Milizsystem. Es braucht nicht für jedes Problem eine staatlich bestellte Betreuung durch hochqualifizierte Experten.
Vor allem aber lässt sich Bildungserfolg nicht einfach herbeifördern. Um ein Ziel zu erreichen, braucht es Leistungswillen, inneren Antrieb und die Zuversicht, dass sich der Aufwand lohnt. Doch gerade diese bürgerlichen Tugenden werden durch den betreuenden Wohlfahrtsstaat systematisch geschwächt. Und so stellt sich die Frage, wem die Fördergelder am meisten nützen: den Betreuten oder den Betreuern.